Fortgeschrittenes Performance-Labor

Treiberlatenz beweisen.
Nicht auf Verdacht optimieren.

Mit LatencyMon, Windows Performance Recorder und Windows Performance Analyzer wird aus einem auffälligen Messwert ein reproduzierbarer Treiber- und Gerätepfad.

Diese Anleitung richtet sich an erfahrene Windows-Anwender, Systembauer, Gamer und Audio-Professionals. Ziel ist nicht der niedrigste synthetische Spitzenwert, sondern ein stabiler realer Workload ohne Dropouts oder Frametime-Störungen.

Vorbereitung und Sicherheitsgrenze

Wichtige Daten sichern, Wiederherstellungspunkt erstellen und aktuelle Treiberpakete bereithalten. Keine Windows-Systemdateien löschen. BIOS-, Registry-, Boot- und Interrupt-Einstellungen nur ändern, wenn ein messbarer Zusammenhang besteht und ein dokumentierter Rückweg vorhanden ist.

1. Testmatrix statt Bauchgefühl

Definiere zuerst einen Ablauf, der das Problem zuverlässig auslöst. Ein guter Test dauert nur so lange wie nötig und verändert zwischen zwei Durchläufen genau eine Variable.

WORKLOADGleiche Szene oder Session

Dasselbe Game-Save, Benchmark-Segment oder DAW-Projekt verwenden.

ZEITGleiche Messdauer

Beispielsweise zehn Minuten plus ein klar markierter Fehlerzeitpunkt.

AUDIOPuffer & Sample-Rate

ASIO-Puffer und 44,1/48/96 kHz im Protokoll festhalten.

GAMINGFPS & Darstellung

FPS-Limit, V-Sync/VRR, Auflösung und Preset nicht verändern.

Notiere Windows-Build, BIOS-Version, Chipsatz-, GPU-, Netzwerk- und Audio-Treiberversion. Für jeden Lauf reichen: Änderung, Messdauer, Symptomzeitpunkt, höchster ISR/DPC, auffälliges Modul und Ergebnis.

2. LatencyMon tiefer auswerten

Führe LatencyMon als Administrator aus und reproduziere die reale Last. Werte nicht nur die grüne oder rote Zusammenfassung aus:

  • Main: höchster gemessener Interrupt-to-Process-Wert sowie längste ISR- und DPC-Ausführung.
  • Drivers: nach Highest execution und zusätzlich nach Total execution sortieren. Eine seltene lange Spitze und dauerhaft hohe Gesamtzeit sind unterschiedliche Muster.
  • Processes: Hard Pagefaults und betroffene Prozesse prüfen. Sampler und grosse Projekte können durch nicht residente Speicherseiten stören.
  • CPUs: kontrollieren, ob die Aktivität auf einzelnen logischen Prozessoren konzentriert ist.

Ein Kernelmodul ist zunächst ein Anhaltspunkt. Sammelmodule wie Wdf01000.sys, ndis.sys oder dxgkrnl.sys benötigen eine Geräte- oder Stack-Korrelation.

3. Windows Performance Toolkit installieren

Installiere aus dem aktuellen Windows ADK nur das Windows Performance Toolkit. Es enthält Windows Performance Recorder (WPR) und Windows Performance Analyzer (WPA). WPR zeichnet ETW-Ereignisse auf, WPA stellt sie zeitlich und nach Modulen/Funktionen dar.

ETL-Dateien können Systemdetails enthalten

Ein Performance-Trace kann Prozessnamen, Pfade, Hardware- und Aktivitätsinformationen enthalten. Nicht ungeprüft öffentlich hochladen. Aufnahmen kurz halten; -filemode kann bei langen Läufen grosse Dateien erzeugen.

4. Reproduzierbaren WPR-Trace aufnehmen

Öffne Terminal oder Eingabeaufforderung als Administrator. Prüfe zuerst, ob das integrierte Profil vorhanden ist:

CMD
wpr -profiles

Ist GeneralProfile aufgeführt, starte die Aufnahme direkt vor dem reproduzierbaren Test:

CMD
wpr -start GeneralProfile -filemode

Reproduziere den Dropout oder Ruckler möglichst innerhalb von 30 bis 120 Sekunden und merke dir den Zeitpunkt. Stoppe dann die Aufnahme:

CMD
wpr -stop "%USERPROFILE%\Desktop\DPC-Latency.etl" "Audio dropout oder Gaming stutter" -compress

Falls die Aufnahme abgebrochen werden soll, ohne eine Datei zu speichern:

CMD
wpr -cancel

5. ETL-Datei in WPA analysieren

Öffne DPC-Latency.etl in WPA und zoome zuerst auf das enge Zeitfenster um den hör- oder sichtbaren Fehler. Füge danach aus Computation die DPC/ISR-Ansicht hinzu.

  1. DPC/ISR Duration by Module, Function

    Nach inklusiver Dauer sortieren. Module und Funktionen mit hoher Einzeldauer sowie hoher Gesamtdauer notieren.

  2. DPC/ISR Duration by CPU

    Prüfen, ob die Spitzen auf dem Prozessor auftreten, auf dem gleichzeitig der Audio- oder Game-Thread beeinträchtigt wird.

  3. Timeline korrelieren

    DPC/ISR-Spitzen mit Audio-Glitches, Dropped Frames oder dem notierten Problemzeitpunkt vergleichen. Aktivität ausserhalb des Fehlerfensters ist kein ausreichender Beweis.

  4. Stack und Funktion prüfen

    Bei geladenen Symbolen Modul, Funktion und Stack untersuchen. Das oberste Windows-Sammelmodul kann auf einen darunterliegenden Hersteller-Treiber oder Gerätepfad führen.

6. Vom Modul zur Hardwareklasse

ndis.sys / tcpip.sysNetzwerkWLAN aus, Ethernet an; dann umgekehrt. VPN-, Filter- und Adaptertreiber getrennt prüfen. Interrupt Moderation nur als dokumentierten A/B-Test ändern.
nvlddmkm / amdkmdag / dxgkrnlGrafikTreiberstand, Overlays, Capture, HAGS und Multi-Monitor-Setup einzeln vergleichen; Shader-Aufbau ausschliessen.
USBXHCI / Wdf01000USB & FrameworkGerätebaum nach Controller betrachten, Hubs entfernen, Audio-Interface an anderen Controllerpfad anschliessen und Geräte einzeln abziehen.
ACPI.sysFirmware & PowerAktuelles BIOS und Chipsatzpaket prüfen. Energieprofil vergleichen; C-States oder ASPM höchstens temporär und einzeln zur Diagnose ändern.
storport / stornvmeStorageNVMe-Firmware, Storage-Treiber, SMART-Zustand, hohe I/O-Last, Indexierung und Sampler-Streaming prüfen.
Audio-/Thunderbolt-TreiberPro AudioHersteller-ASIO, Firmware, Kabel, Port, Sample-Rate und Puffer testen. Interface nicht über einen ungeeigneten Hub betreiben.

7. Energie- und Power-Requests dokumentieren

Die folgenden Befehle reparieren keine DPC-Latenz, liefern aber einen nachvollziehbaren Ausgangszustand:

CMD
powercfg /getactivescheme
powercfg /requests
powercfg /energy /duration 60 /output "%USERPROFILE%\Desktop\BHAZARD-energy-report.html"

powercfg /energy sollte laut Microsoft auf einem möglichst inaktiven System laufen. Der Bericht ist deshalb eine Ergänzung zur DPC-Lastmessung, nicht derselbe Test. Für Desktop-Audio oder Gaming kann ein Leistungsmodus als Vergleich sinnvoll sein; auf Mobilgeräten steigen Verbrauch, Temperatur und Lüfterlast.

8. Audio-Workstation: fortgeschrittene Tests

  • Buffer-Sweep: 512 → 256 → 128 → 64 Samples bei identischem Projekt. Den kleinsten stabilen Wert dokumentieren.
  • Plugin-Isolation: Look-ahead, Oversampling, Linear Phase, Convolution und externe DSP-Routen gruppenweise deaktivieren.
  • USB-Topologie: Audio-Interface und schnelle Storage-Geräte auf getrennte Host-Controller legen, sofern die Hardware mehrere Controller besitzt.
  • Sampler: RAM-Auslastung und Hard Pagefaults prüfen; Preload und Disk-Streaming passend zur SSD einstellen.
  • Recording versus Mixing: Beim Recording kleine Puffer und leichte Signalkette, beim Mixing grössere Puffer und höhere Plugin-Reserve verwenden.

9. Gaming: fortgeschrittene Tests

  • Frametime statt Durchschnitts-FPS: 1%-Low-Werte und Frametime-Graph mit dem WPR-Zeitfenster vergleichen.
  • Renderlimit: Ein konstantes FPS-Limit kann CPU- und Treiber-Spitzen reduzieren und macht Vergleiche reproduzierbarer.
  • Capture und Overlays: Discord, GeForce/AMD-Overlay, Xbox Game Bar, RGB- und Monitoring-Software einzeln testen.
  • Netzwerk: Lokalen Offline-Test gegen Online-Match vergleichen. Ping und Paketverlust separat von DPC-Latenz messen.
  • Stabilität: XMP/EXPO, Undervolting und GPU-OC testweise auf Standard. Instabilität kann wie ein Treiberproblem wirken.

10. Fix professionell bestätigen

Ein Fix gilt erst als bestätigt, wenn mindestens drei identische Durchläufe ohne das ursprüngliche Symptom abgeschlossen sind und die problematische DPC/ISR-Aktivität im relevanten Zeitfenster deutlich zurückgeht. Danach die Änderung dokumentieren und alle nicht hilfreichen Teständerungen zurücknehmen.

BEIBEHALTEN

Nur die eine Änderung, die reproduzierbar geholfen hat.

ZURÜCKNEHMEN

Alle BIOS-, Geräte- und Softwaretests ohne messbaren Nutzen.

ESKALIEREN

ETL, LatencyMon-Screenshots, Treiberversionen und Testmatrix an Hersteller oder Support.

Was diese Anleitung bewusst nicht empfiehlt

Kein pauschales Abschalten von HPET, Dynamic Tick, CPU-Kernen, C-States, Sicherheitsfunktionen oder der Auslagerungsdatei. Keine ungeprüften MSI-Mode-Tools und keine fremden Registry-Pakete. Diese Eingriffe verschieben häufig nur Messwerte, erschweren Updates oder erzeugen Stabilitäts- und Sicherheitsprobleme.

Technische Referenzen

Hinweis für Fortgeschrittene: ETL-Dateien können System- und Aktivitätsdetails enthalten. Vor dem Teilen prüfen. Firmware-, BIOS- und Treiberänderungen nur mit Backup und dokumentiertem Rückweg durchführen.